Scharfe Kritik an „Hartz und herzlich“: Journalist spricht von „Menschenzoo“
Scharfe Kritik an „Hartz und herzlich“: Journalist spricht von „Menschenzoo“

Jana (55) erlebt den Schock ihres Lebens: Ihr Internet-Flirt ist ein Betrüger. Das Erfolgsformat „Hartz und herzlich – Tag für Tag Rostock Groß Klein“ lockt Millionen vor die Bildschirme. Aber warum?
Schlechte Zähne, überfüllte Aschenbecher, zugemüllte Wohnungen und Kinder, denen scheinbar von Geburt an jede Perspektive fehlt. Das RTL Zwei-Erfolgsformat „Hartz und herzlich – Tag für Tag Rostock Groß Klein“ polarisiert seit Jahren. Während die Sozial-Doku konstant hohe Quoten einfährt und Zuschauer in ganz Deutschland begeistert, werfen Kritiker dem Sender vor, ein verzerrtes Bild von Menschen in prekären Verhältnissen zu zeichnen und Klischees über Armut zu verstärken. Was steckt dahinter?
„Menschenzoo“ und „Elendstourismus“
Die Zahlen sprechen für sich: Mit bis zu 1,14 Millionen Zuschauern und einem Marktanteil von bis zu 8,5 Prozent bei den 14- bis 29-Jährigen gehört „Hartz und herzlich“ zu den erfolgreichsten Programmen des Senders. Auch das Rostocker Spin-off legte zum Start der neuen Staffel mit rund 600.000 Zuschauern und einem Marktanteil von 6,5 Prozent einen beachtlichen Auftakt hin.

„Das sind Geschichten von Menschen, die unter anderen, ärmeren, sozialen und finanziellen Bedingungen leben“, beschreibt ein Rostocker, der lieber anonym bleiben möchte, das Konzept der Sendung aus seiner Sicht.
So ist auch der von RTL Zwei-Chefin Konstanze Beyer artikulierte Anspruch. „Unsere Sendungen lenken den Blick auf soziale Realitäten, die viele nicht sehen wollen oder von denen sie nichts wissen“, schreibt sie in Reaktion auf Kritiken, wie die des Journalisten Hans Hoff. Der Kolumnist des Medienmagazins DWDL spricht in diesem Zusammenhang sogar von „Menschenzoo“ und „Elendstourismus“.
Maria R. aus dem Rostocker Umland ist sich sicher: Menschen, die solche Formate angucken, sind vor allem eins: Voyeure. „Wir schauen das so gern, weil uns einer abgeht, wenn wir Katastrophen, scheiß Lebensentscheidungen oder Menschen sehen, denen es schlechter geht als uns. Denn nur dann fühlen wir uns besser.“
Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler moniert in seinem Arbeitspapier „Armutszeugnis – Wie das Fernsehen die Unterschichten vorführt“, beauftragt von der Otto Brenner Stiftung, dass Formate wie „Hartz und herzlich“ Armut einseitig und klischeehaft darstellen. Laut Gäbler liegt der Fokus gezielt auf den Extremen: Verwahrloste Wohnungen, Kettenraucher, Arbeitslosigkeit und soziale Konflikte dominieren das Bild. Dabei, so Gäbler, werde suggeriert, diese Darstellungen seien repräsentativ für alle Menschen, die von Armut betroffen sind.
Das sagen Einwohner aus Rostock-Groß Klein zum Erfolgsformat „Hartz und herzlich – Tag für Tag Rostock Groß Klein“.
Besonders problematisch sei die gezielte Auswahl „krasser Charaktere“, die die öffentliche Wahrnehmung von Armut oder finanzieller Abhängigkeit vom Staat stark beeinflussen. Anstatt ein differenziertes Bild zu zeichnen, werde ein „Extremismus des Elends“ gezeigt, so Gäbler. Die Protagonisten würden auf ihre Schwächen reduziert, bestehende Vorurteile verstärkt und die gesellschaftliche Kluft zwischen Arm und Reich weiter vertieft.
„Dumm wie Arsch“
Kritiker wie der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge argumentieren, dass die gezeigten Menschen in den Formaten oft als „minderbemittelt“ dargestellt würden, was nicht nur Vorurteile befeuere, sondern darüber hinaus auch die Würde der Betroffenen verletze. Die Kamera dringe häufig in besonders intime und teils entwürdigende Momente ein, schreibt auch Gäbler, ohne Rücksicht auf die langfristigen Folgen für die Beteiligten.

Tatsächlich wird das Format wie kaum ein anderes ausführlich in den sozialen Medien durchgekaut…
Es gibt allein für das Rostocker Spin-off zahlreiche Fan- und mindestens ebenso viele Hassgruppen. Kommentare wie „die gehören alle zur Zwangsarbeit verpflichtet“ oder „die sollte nicht mal ein Haustier in so einer versifften Bude halten, geschweige denn ihre Dreckskinder“ sind in den Hassgruppen die Norm.
Schaut man genauer hin, sieht es in den Fangruppen, zumindest was die Kommentare angeht, kaum anders aus: „Die ist doch stinkend faul wie der Rest der Sippe“, heißt es da zum Beispiel. Oder: „Ekelhaftes Weib“, „dumm wie Arsch“, „die Göre von denen ist auch so verblödet“.
„Nach Bautzen zum Steineklopfen. Dieses asoziale Pack“
Senderchefin Konstanze Beyer betont, dass die Protagonisten freiwillig teilnehmen und oft sogar erneut mitmachen – unentgeltlich. Sie räumt jedoch ein, dass die Dreharbeiten den Alltag der Protagonisten und das Bild der Viertel sehr wohl beeinflussen können.
Ein Beispiel: Erst kürzlich strahlte RTL Zwei eine Episode aus, in der einer der Rostocker Protagonisten, Cindys Ex-Freund Jean, beim Gang durch das Einkaufscenter Warnow Park plötzlich von einem Mann beleidigt wird, der ihn aus der Serie wiedererkannt hat. „Zu DDR-Zeiten hätte man solche Leute eingesperrt. Nach Bautzen zum Steineklopfen. Dieses ganze asoziale Pack“, hat der Angreifer Jean hinterhergerufen. Jean betonte in der Sendung: „Ich zeige doch lediglich mein Leben!“

Aus den porträtierten Städten und Wohnquartieren heraus wird regelmäßig Kritik an den Formaten geübt. So wandten sich beispielsweise Bewohner von Bitterfeld-Wolfen in einem offenen Brief an RTL Zwei und warfen der Produktion öffentlich vor, ein „Zerrbild der Realität“ zu zeichnen. Der Vorwurf: Die Sendung fokussiere sich auf negative Aspekte und ignoriere positive Entwicklungen.








