Bergdoktor im ZDF: Was den modernen Heimatfilm so erfolgreich macht..
Going. Hans Sigl lehnt im Bademantel an dem urigen Bauernhaus auf dem Gruberhof. Der Schauspieler blickt nachdenklich in die Ferne, über die Terrasse, hinauf auf den Wilden Kaiser, auf dem der Schnee in der Sonne glitzert. Klar, es ist Kaiserwetter. Ein Mann, die Natur und seine Gedanken, so wird es wohl später im Film aussehen. Das Kamerateam, das um ihn herumwuselt und die Idylle stört, wird dann nicht mehr zu sehen sein. Genauso wenig wie die Drohne, die vor seinem Gesicht entlang fliegt und jene beeindruckenden Fernsehbilder vom Kaisergebirge produziert, das in dieser Produktion eine Hauptrolle spielt
Die Filmcrew dreht gerade die neuesten Folgen einer Serie, die es in Deutschland abseits aller modernen Netflix-Produktionen und international fortentwickelter Fernsehgewohnheiten zu einer Art Institution geschafft hat. „Der Bergdoktor“ startet Anfang Januar in die nunmehr 19. Staffel (ab 1. Januar in der Mediathek, ab 8. Januar immer donnerstags zur Primetime im ZDF). Auch im 19. Jahr wieder dabei: Hans Sigl als Dr. Martin Gruber, den viele der Zuschauerinnen und Zuschauer seit Staffel eins lieben. Seit 2008 diagnostiziert und behandelt der hierzulande wohl populärste Fernseharzt vor der beeindruckenden Alpenkulisse.
„Bergdoktor“ hält mit Krimis mit
Der „Bergdoktor“, der von 1992 bis 1997 schon mal in anderer Besetzung bei Sat.1 lief, schafft es, im krimivernarrten Deutschland quotentechnisch halbwegs mit Mord und Totschlag mitzuhalten. In der bislang letzten Staffel erreichten die Folgen linear durchschnittlich 5,6 Millionen Zuschauende und einen Marktanteil von 20,6 Prozent. In der Mediathek erzielten die Videos bis einschließlich 14. Dezember im Schnitt zusätzlich 3,15 Millionen Views pro Folge – ein Rekord. Zum Vergleich: Der „Tatort“ hatte linear 2025 bis zum selben Datum zwar durchschnittlich 8,56 Millionen Zuschauende und einen starken Marktanteil von 30,5 Prozent, in der Mediathek wurden aber „nur” 1,1 Millionen Aufrufe pro Film gezählt.
Dass Menschen mittlerweile eigens wegen der Serie in die Wilder-Kaiser-Region reisen, überrascht kaum noch. Die Frage ist nur: Wie macht die Sendung das? Warum trifft ein moderner Heimatfilm über einen Arzt und seine Familie, den viele für vorhersehbar und irgendwie kitschig halten, offenbar einen Nerv? Sind die Deutschen nostalgische Alpenromantiker?
Für mich ist der „Bergdoktor” ein progressiver Heimatfilm.
Hans Sigl, “Bergdoktor”-Hauptdarsteller
„Für mich ist der ‚Bergdoktor‘ ein progressiver Heimatfilm“, sagt Sigl, auf der Terrasse vom Gruberhof sitzend, wo damals alles begann und auch heute gedreht wird. Die „Urkulisse“ nennt er diesen Ort, es ist längst ein Sehnsuchtsort für viele Menschen geworden.
Wie der „Bergdoktor“ den Zeitgeist aufgreift
Heimatfilm, ein Begriff, der an Fünfzigerjahre und Heile-Welt-Versprechen erinnert. Klar, die „Bergdoktor“-Landschaft passt dazu. Aber Sigl grenzt ab: „Der nicht progressive Heimatfilm würde die modernen Lebensrealitäten ausblenden. Das tun wir nicht.“ Es gab schon mal eine Folge mit einem trans Mädchen, mit homosexuellen Bergsteigern oder einer drohenden Abschiebung. „Wir versuchen, die Diversität unserer Gesellschaft auch in unseren Filmen darzustellen – soweit es möglich ist“, sagt der 56-Jährige. Ein moderner Heimatfilm also.
Das Setting setzt dabei Grenzen, Ellmau ist eben nicht Neukölln. „Es ist natürlich in einem Berlin-,Tatort‘ etwas einfacher, eine diverse Gesellschaft zu zeigen, weil in Berlin mehr los ist als in einem Bergdorf in Tirol“, sagt Sigl. Da müsse man Diversität schon etwas geschickter einbauen. Und sie findet auch nicht in jeder Folge Raum.
Der österreichische Schauspieler hat sich mittlerweile umgezogen, trägt statt des Bademantels einen beigefarbenden Mantel und Sonnenbrille. Ein langer Drehtag liegt hinter ihm. „Am Anfang sollte Martin Gruber noch mit Lederhose hier auftauchen“, erzählt er, „ich habe dann mit dem Regisseur besprochen, dass wir das lassen.“ Der Arzt trägt Jeans statt Lederhose, als Intro läuft „Patience“ von Take That statt Alphornklängen.
Der „Bergdoktor” ist kein Halbgott in Weiß
Sigls Arztfigur ist kein Halbgott in Weiß, sondern jemand, der zuhört, erklärt, hinterherläuft, wenn Patienten sich verweigern. Ein Idealbild, das weniger mit medizinischer Realität als mit gesellschaftlicher Sehnsucht zu tun hat. Und doch gehört der TV-Job Arzt seit Jahrzehnten zu den fast schon archaischen TV-Berufen, zu denen die Zuschauer aufschauen. Wie übrigens auch der TV-Ermittler.
Schon die „Schwarzwaldklinik“ zeigte, wie stark das Versprechen wirkt, dass jemand hilft und heilt. Bis 1989 schauten Chefarzt Professor Klaus Brinkmann (Klausjürgen Wussow) dabei auch mal 28 Millionen Zuschauer vor den Röhrenfernsehern zu. Siebzig Folgen wurden davon ausgestrahlt, Sigl liegt mittlerweile bei mehr als doppelt so vielen. „Der Fernseharzt wird geliebt, weil er Leben retten kann. Das mitzuerleben fasziniert die Menschen nach wie vor“, sagt er.

Medienforscherin Joan Bleicher vom Institut für Medien und Kommunikation der Uni Hamburg stimmt dem zu: „Es sind Geschichten vom Helfen und Heilen, das ist ein menschlicher Ur-Wunsch.“ Dr. Gruber sei – je nach Lebensphase – Freund oder väterlicher Freund in Weiß. Einer, der Zeit und Kompetenz hat und damit Wunschdenken bedient. „Generell hat sich das Genre Arzt- oder Krankenhausserie in Deutschland neben dem Krimi als zweites Erfolgsgenre etabliert“, sagt die Professorin.
Der „Schwarzwaldklinik“-Arzt Wussow beschrieb mal, dass sich Fans von ihm oft den Puls fühlen lassen wollten. Auch Sigl ist in der öffentlichen Wahrnehmung längst „der Bergdoktor“ geworden, auch wenn er auch viel anderes macht. Zuletzt füllte er etwa mit Weihnachtslesungen Theater in der ganzen Republik.








