Was „Bergdoktor“ und „In aller Freundschaft“ bei Patienten anrichten – ein Arzt klärt auf
Von „Der Bergdoktor“ bis zu „In aller Freundschaft“ – was deutsche Arztserien zeigen, hat mit der Realität wenig zu tun.
Dortmund – Millionen Deutsche schalten ein, wenn die Ärzte der Sachsenklinik in „In aller Freundschaft“ mal eben eine Herztransplantation stemmen oder Dr. Gruber beim „Bergdoktor“ für einen einzelnen Patienten tagelang alles stehen und liegen lässt. Doch was ARD und ZDF als Krankenhausalltag verkaufen, ist weit von der Wirklichkeit entfernt – und das hat konkrete Folgen.

Charité-Professor deckt auf: Das ist falsch an deutschen Arztserien wie „Der Bergdoktor“
Charité-Professor Boris Bigalke (49) hat gegenüber BILD klargestellt, was ihn an deutschen Arztserien grundlegend stört. „Wir sind keine Halbgötter in Weiß und auch keine Alleskönner“, sagte der Mediziner. Im TV wird suggeriert, Ärzte hätten endlos Zeit – für Patienten, Hobbys, Kaffeepausen, nebenher auch noch fürs Flirten mit Kollegen.
Die Realität sieht anders aus: Schreibtisch, Computer, enormer Zeit- und Kostendruck. Für Plaudereien mit Patienten bleibe wenig Zeit, fürs Flirten schon gar nicht. Das sei ohnehin ein Tabuthema (mehr über „Der Bergdoktor“ bei RUHR24 lesen).
Serien wie „Der Bergdoktor“ und „In aller Freundschaft“ blenden Gewalt gegen Mediziner aus
Auch das Klischee der Sofortdiagnose ärgert Bigalke: Im TV bekommt der Patient seine Diagnose in der Regel innerhalb einer Folge. In Wirklichkeit dauern aufwendige Untersuchungsverfahren oft mehrere Wochen. Was Behandlungskosten angeht: Im echten Krankenhaus spielen Versicherungsstatus und Budget eine erhebliche Rolle, während im TV Geld schlicht keine Rolle spielt.
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Was deutsche Serien laut Bigalke außerdem komplett ausblenden: verbale und körperliche Übergriffe auf medizinisches Personal, vor allem in Notaufnahmen – ein reales und ernstes Problem, das im deutschen TV nicht existiert (mehr über „In aller Freundschaft“ bei RUHR24 lesen).

Wer Arztserien wie „In aller Freundschaft“ guckt, hat mehr Angst vor Operationen
Das erzeugt ein doppeltes Problem. Patienten kämen mit überzogenen Erwartungen in die Klinik, so Bigalke. Bei jungen Menschen, die sich wegen des Serienbildes für einen Medizinberuf entscheiden, könne das schlicht „zu Enttäuschungen führen“. Dass das keine neue Erkenntnis ist, belegt eine Studie im Deutschen Ärzteblatt aus dem Jahr 2008.
Studienautor Dr. Kai Witzel befragte 162 Patienten und stellte fest, dass regelmäßige Arztseriengucker ängstlicher in Operationen gehen und hinterher unzufriedener mit der Visite sind, weil sie Schwierigkeiten haben, zwischen TV-Dramaturgie und echtem Klinikalltag zu unterscheiden.
Der Mainzer Pharmazieprofessor Christian Mang bringt es gegenüber dem Patientenmagazin HausArzt noch direkter auf den Punkt: Deutsche Produktionen verharmlosten Krankheiten systematisch, der Stress des Berufsalltags komme kaum vor. Bei „Schwarzwaldklinik“ oder „Bergdoktor“ sei das Beziehungsgeflecht ohnehin wichtiger als die Medizin: „Da ist oft zu viel Zuckerguss drauf.“
Arztserien zeichnen falsches Bild der Realität: Charité-Professor hebt US-Serie hervor
Eine Ausnahme lobt Bigalke gegenüber BILD ausdrücklich: die US-Serie „The Pitt“, die seit Januar auch in Deutschland bei HBO läuft. Das Format spielt in einer Notaufnahme in Pittsburgh und erzählt den Klinikalltag nahezu in Echtzeit – inklusive des enormen Drucks, dem das Personal ausgesetzt ist, wenn wartende Patienten übergriffig werden.
Für alle, die wissen wollen, wie ein Krankenhaus wirklich funktioniert, ist „The Pitt“ derzeit die ehrlichste Antwort, die das TV zu bieten hat. Zumindest laut einem Experten.







